Ich kann das alleine

2 Jahre, 3 Monate und 3 Tage liegt dieses Foto zurück.

Das Thema Krebs will und werde ich Schritt für Schritt aus meinem Leben streichen. Das gelingt ganz gut. Ein Anderes hat sich tief eingebrannt. Das erlebe ich aktuell fast täglich:

„Ich mach das alleine!“ ,“Ich brauche Deine Unterstützung nicht!“ ,“Ich kann das ohne Dich“

Bezogen auf Alltagserledigungen mag das in Ordnung sein.

In dieser Fotosituation war es ein fataler Fehler. Wenn ich mir das Bild heute anschaue sehe ich selbst, wie wenig meiner viel zitierten Stärke da war. Wie wenig ich alleine zurecht kam. Und wie sehr ich mir eine Schulter zum Anlehnen, eine Hand zum Halten gewünscht hätte, und jemand der mir sagt das alles gut wird.

11:30 Uhr, das letzte Foto vor einer Operation. Ich erinnere mich daran wie „Hallelujah“ von den Pentatonix mich auf dieser Dachterasse zum Weinen brachte, die warme Februarsonne auf meiner Haut, „The Sound of Silence“ aus dem Kopfhörern und die Gedanken „Wenn ich nicht mehr aufwache? Wie fühlt sich diese Stille dann an?“ , „Sind das die letzten Minuten meines Lebens? Das letzte Foto?“ Mit der Uhrzeit im Hintergrund. Warum mir das so wichtig war weiß ich gar nicht mehr. Vielleicht damit meine Kindern sehen könnten wann ich mich innerlich verabschiedet habe.

Die Krankheit ging. Die Erinnerung an diesen Moment nicht. Obwohl ich ihn zum Teil selbst so gestaltet habe. Falsche Stärke, falscher Stolz.

Das Resultat: Eine tiefe Angst mich auf Menschen zu verlassen um mich nie wieder so abgrundtief verloren und einsam zu fühlen.

Auch dagegen gibt es „Medizin“. Sie wirkt. Erst durch Erkenntnis, dann durch Lernprozesse.

Lasst es nicht so weit kommen. Niemand muss alles alleine schaffen!

 

 

 

 

 

Köln by night mit Dosenbier

Eine Haltestelle in Köln.  Gegen Mitternacht. Gutgelaunte Menschen die auf die S-Bahn warten, sich unterhalten. Meine Augen registrieren ihre Gesichter kaum. Gesprächsfetzen streifen mein Denken beiläufig. In meiner Hand eine Dose Bier. Der Geschmack bitter auf meinen Lippen.

Großstadtnacht, Haltetstellenmilieu, Dosenbier. Diese Kombination ist mitleidserregend. Rand der Gesellschaft? Absturz?

Drei Stunden davor. Überfülltes Rockkonzert. Harte Jungs und Mädels. Bärte, Tattoos,  Bier aus Plastikbechern. Wann hab ich mich das letzte Mal so zugehörig gefühlt?

Lange her. In einem anderen Leben. Vor: „Dafür bist Du zu alt“, „Mach dich doch mal hübsch“, „Bandshirts sind unweiblich“, „So geh ich nicht mit Dir weg“, „Meine Frau läuft so nicht rum“. 10 Jahre falsch verstandene Anpassung. Der Preis dafür: Das Gefühl nirgends dazu zu gehören. Der Glaube „falsch“ zu sein. Und die verkrampften Versuche mit immer neuen Verkleidungen doch irgendetwas retten zu können. Um zwischen zwischen eng aneinandergepressten, schwitzenden Rockern festzustellen dass das alles Bullshit war. Verbiegen hat nicht funktioniert und wird es nie. Mein Herz schlägt mit viel Bass und Gitarrenriffs beschleunigen meinen Puls. Musik muss laut, Klamotten schwarz, die Seele wild sein.

Ja, es gibt Verbesserungsbedarf. Mehr schwarze Shirts mit unmöglichen Aufdrucken für den Kleiderschrank und mehr Tattoos auf meiner Haut.

Eine Haltestelle in Köln.  Gegen Mitternacht. Gutgelaunte Menschen die auf die S-Bahn warten, sich unterhalten. Meine Augen registrieren ihre Gesichter kaum. Gesprächsfetzen streifen mein Denken beiläufig . In meiner Hand eine Dose Bier. Der Geschmack bitter auf meinen Lippen. Du küsst ihn weg. Deine Augen strahlen. Deine Hand drückt meine. In der anderen eine Dose Bier.

Großstadtnacht, Haltetstellenmilieu, Dosenbier. Diese Kombination ist mitleidserregend. Rand der Gesellschaft? Absturz? Nein, Abflug, Start in ein gemeinsames Leben. Ein Leben in dem Dosenbier am Straßenrand so okay ist wie gemeinsam durchs Museum zu schlendern oder das Weltkulturerbe zu bestaunen.

Mit Dir ist auch Wein aus dem Tetrapack am Fuße des Eifelturms ein Fest.

Danke das Du mich daran erinnerst wer ich bin.

 

 

 

 

 

 

 

Zwischenbilanz

—-Ein Beitrag den ich vor meiner Krebserkrankung verfasst habe-, aber warum auch immer nicht veröffentlichte—Für gültig und in Ordnung befunden—-

 

To-Do-Listen, Bucket List, das liegt voll im Trend. Grund gebug für mich die Finger davon zu lassen. Auflisten um der Mode zu folgen war nie reizvoll.

Doch die Situation jetzt, die Gedanken gerade führen dazu, dass ich eine Zwischenbilanz erstellen möchte. Zur Orientierung, vielleicht auch um meine Gedanken wieder mehr zu ordnen, die mir gerade davonlaufen wie ein Rudel junger Hunde.

Erledigt:

Einen Beruf erlernen

Heiraten und wieder geschieden werden, sogar zweimal

Kinder bekommen, die drei Besten

Wahre Freundschaft gefunden

Die Liebe mit ihren wundervollen Facetten, ihrer Zerbrechlichkeit, Vergänglichkeit und Intensität, der ungebremsten Kraft und ihrer Macht erlebt.

Tättowieren und piercen lassen

Mit einem Flugzeug geflogen

Ein Buch geschrieben, eigentlich zwei, auch wenn sie nicht veröffentlicht wurden

Bei Poetry Slams auf der Bühne gestanden

Von einem Fallschirm-Übungs-Turm gesprungen und freien Fall erlebt

Wunderbare tierische Seelengefährten an meiner Seite gehabt und zwei immer noch hier

Einen schweren Schlaganfall überlebt und so überstanden, dass man mir kaum etwas anmerkt

Ein Hobby zum Nebenberuf gemacht, für ein paar Jahre

Mit Pferden gelebt

Nach sanftem Schubsen eines Freundes eine Lesebühne organisiert

Steampunk und das Spielerische im Leben wieder entdeckt

Theater gespielt

Zwei Winterlaufserien in einer Saison (jeweils 4 x 10 Kilometer) absolviert

Am Meer gewesen

Perfektionismus abgelegt

Eine Arbeit gefunden die zur momentanen Lebenssituation passt

Dem Krebs erklärt das meine Zeit noch nicht gekommen ist

Ein Fernstudium erfolgreich absolviert

 

Noch zu erleben:

Das Nordlicht sehen

Irland, Schottland, Frankreich, Island, Skandinavien und noch viel mehr bereisen

Ein Wolfstattoo

Noch einmal am Strand stehen, mit den Füßen im Meer

Mehr mich selbst leben

Einen anderen Beruf lernen/ausüben (in progress)

Tanzen lernen

Einen Marathon laufen, oder wenigstens Halbmarathon

Oma werden

Die Liebe meines Lebens heiraten

 

 

 

 

 

Winterstarre

Songtext von Emeli Sandé: You’ve got the words to change a nation
But you’re biting your tongue
You’ve spent a life time stuck in silence
Afraid you’ll say something wrong

                                                                      …

                                              You’ve got the light to fight the shadows
So stop hiding it away…

Theoretisch weiß ich wie es geht, jemand anderem könnte ich raten. Ich selbst aber bin gelähmt, erstarrt, müde und sehe den Weg nicht mehr. Überall Mauern. Viele Träume, aber eben nur Träume, Wünsche, nichts realisierbares.

„Man muss da wirken wo man steht“ sagt Bruder Paulus. Ich weiß nicht mal mehr wo ich stehe, wer ich bin, was ich will.

Einfach nur funktionieren, bis…ja, bis wohin eigentlich?

 

 

Vertrauen

“Vertrau mir“ , sagt er und schaut sie an,

schweigend versinkt sie in seinen Augen,

denkt “in den dunkelsten Stunden meines Lebens war ich immer allein. Warum sollte das dieses Mal anders sein?“

“Du kannst das allein. Ich weiß es. Aber wir können es auch zusammen tragen“ , bekräftigt er.

“Weißt Du was schlimmer ist als allein durch die Dunkelheit zu gehen?“ , fragt sie ohne Worte, “ nach der Hand des geliebten Menschen zu greifen und fallen gelassen, oder sogar gestoßen zu werden“. Stumm kämpft sie gegen aufsteigende Tränen. Sagt “Ich schaff das schon. Wie immer!“

Stärkt sich innerlich mit “Ich vertraue nur mir selbst, da werde ich nicht enttäuscht“.

Da flüstert ihre Seele leise:“ Und die ganzen Fehler der letzten Monate? Nein, Du vertraust nicht mal mehr dir selbst.“

Der Stoff aus dem die Träume sind

Unsere Abendrunde mit den Hunden war eine angenehme Routine geworden. Nach dem Arbeitstag entspannt gemeinsam laufen, über Gott und die Welt reden. Lachen, weinen, albern, fluchen, die ganze Bandbreite des Lebens. Danach nahmen wir den Lauf der Welt jedes Mal gelassener hin. Zum einen, weil wir uns alles von der Seele geredet hatten, zum anderen, weil wir wussten nicht allein zu sein.

Die Leute aus dem Dorf schüttelten meist den Kopf über uns. Erwachsenen Frauen, die die Köpfe zusammensteckten, tuschelten, kicherten oder sich in den Armen lagen. Erwachsene Frauen, die nach Einbruch der Dunkelheit noch mit den Hunden raus gingen, obwohl man die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. Ja, Frauen, die selbst strömender Regen, Eis und Schnee nicht von ihrer Runde abhalten konnte.   „Die spinnen doch“ redeten sie hinter unserem Rücken.

Die denken wir spinnen“ sagte ich kichernd zu Dir. „Und, tun wir das ?“ fragtest Du zwinkernd.

Ich überlegte. „Lass uns doch spinnen.“ Schlug ich vor „im ganz ursprünglichen Sinn. Wir spinnen ganz bewusst…unseren Lebensfaden.“ Du schautest mich nur fragend an, sagtest dann aber „Okay, und wie machen wir das ?“. „Na ja, eigentlich machen wir weiter wie bisher. Nur, dass wir uns nicht mehr aufregen, weil das Leben nicht läuft wie wir wollen, sondern wir nehmen den Faden selbst in die Hand. Jeden Tag ein Stück mehr“ fügte ich erklärend hinzu. Was einfach ausgedacht war, wurde schwer umzusetzen. Doch Stück für Stück gelang es uns . Unser Lebensfaden, vorher grau, dünn und zäh, gestaltete sich seitdem bunt. Mal fröhlich, übermütig farbenfroh, dann rot vor Wut und an manchen Tagen dunkel vor Trauer und Einsamkeit. Nicht immer fühlte es sich gut an, aber wir zogen an den Fäden, anstatt die Marionetten der anderen sein. Und das fühlte sich gut an und machte uns stark.

Diese Stärke verschreckte so manchen in unserem Umfeld, doch viele fühlten sich davon sehr angezogen. Wir lernten falsche Freunde von den richtigen zu unterscheiden.

Eines Abends befanden wir einstimmig, dass es reicht mit der Spinnerei.

Unsere Fäden waren nahezu perfekt und eine neue Herausforderung fehlte. „Erst haben wir gesponnen, dann lass uns jetzt weben.“ schlugst Du vor. „Gute Idee“ stimmte ich zu und wir begannen unsere bunten Lebensfäden zu verweben. Anfangs waren wir noch etwas holprig und ungeschickt, wohl auch weil wir zu ungeduldig waren. Die Fäden verknoteten sich, mal war das Geflecht zu straff, dann wieder zu locker und ab und an klaffte ein Loch darin. Doch wir ließen uns nicht entmutigen und arbeiteten tapfer weiter. Je gelassener und entspannter wir zur Tat schritten, umso mehr Erfolge erzielten wir. Wunderbare Muster entstanden. Wir verbanden Humor und Lust zu einem fröhlichen Zickzackmuster und genossen den berauschenden Gefühlscocktail. An anderer Stelle milderten wir die tristen Farben der Einsamkeit, indem wir die Freundschaft kontinuierlich einwoben. Der Euphorie stellten wir die Vernunft zur Seite und neben die Liebe flochten wir Vertrauen ein. Wie ein roter Faden jedoch zog sich die Phantasie und die Offenheit durch unser Werk, welches wir abschließend wortlos staunend betrachteten.  Dann sahen wir uns lächelnd an. „Das also ist er …“ begann ich ehrfürchtig flüsternd „…der Stoff aus dem die Träume sind“ ,beendetest Du den Satz genauso ehrfürchtig.

Dann mussten wir beide schallend lachen. Als nächstes machen wir uns Kleider daraus und leben unseren Traum!“ beschlossen wir mit einer fröhlichen Entschiedenheit. 

 

Was ich Euch wünsche

Möge das neue Jahr Euch mit seinen Geschenken beglücken.
Der Winter schenke Euch die Früchte der Stille für die Seele und Ruhe um Kraft zu schöpfen, sich auf Wurzeln zu besinnen,
der Frühling Veilchen und die Energie des Erwachens, des Neubeginns, Aufbruchsfreude,
der Sommer Bienensummen,Sonne auf der Haut und im Herzen,kühles Wasser und bunte Blumen,
der Herbst rotwangige Äpfel und Spaziergänge mit Blätterrascheln und Pfützenspringen, die Weisheit des vergehenden Jahres.
Möge der Mond Euch allzeit durch sein Licht bekunden,
dass nach mageren Tagen wieder vollere kommen,
die Sterne allzeit von Hoffnung in der Dunkelheit erzählen
und die Sonne Euch täglich an Euere ureigene Kraft erinnern, die Euch strahlen lässt, auch an wolkigen Tagen.

Ergänzung eines altirischen Segenswunsches